Buchbesprechung: For the Win - Organize to Survive!

Wolf Stettler

Bei einem Treffen von Linken im Januar kam die Debatte auf die Wichtigkeit von rechtem Storytelling (Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten) für die Verbreitung bürgerlicher Ideologie. Und es wurde diskutiert, ob es entsprechendes linkes Storytelling noch gebe und wieweit dieses wirksam sei.
Ich möchte an dieser Stelle ein Beispiel für modernes linkes Geschichtenerzählen vorstellen.
Auf das Buch «For The Win - Organize to Sruvive» von Cory Doctorow bin ich zufällig gestossen, in der Science-Fiction Abteilung des englischen Orell Füssli.

Die Geschichte

Ein paar Jahre in der Zukunft haben sich Online-Computerspiele zu einem der grössten Wirtschaftsfaktoren entwickelt. Von den 20 grössten Volkswirtschaften, sind acht solche innerhalb von Onlinespielwelten.

Matthew und Lu, genannt Tank (nach seiner Rolle, in den Spielen), arbeiten für Boss Wing in einer Gold-Farming Fabrik in Shenzen. Dort erledigen sie immer wieder dieselben Aufgaben im Spiel (Monster jagen, Schätze suchen), um an Geld in der spieleigenen Währung und an wertvolle Ausrüstungsgegenstände zu kommen. Diese werden gegen „offline-Geld“ an wohlhabende Spieler verkauft, die sich die mühsame Kleinarbeit ersparen wollen. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, der Verdienst gering, aber die Alternativen sind Plastic-Recycling, Textilfabrik oder Arbeitslosigkeit.
Zu ihrer Gruppe gehört auch Wei-Dong, der eigentlich Leonard Goldberg heisst und in Kalifornien lebt. Wegen der Zeitverschiebung ist er meist mitten in der Nacht online.
Unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen, will sich die Gruppe als Goldfarmer selbständig machen. Damit ziehen sie sich den Zorn von Boss Wing zu - und der ist nicht zimperlich. Matthews Gruppe wehrt sich, und andere Goldfarmer schliessen sich ihnen an und verweigern ihren Bossen die Arbeit.

General Robotwalla, die eigentlich Mala heisst, ist die beste Spielerin in Mrs. Dottas Internetcafé in Dharavi, einem Slum von Mumbai. Sie und ihr Spieleclan wird von einem seltsamen Mann engagiert, um gegen Bezahlung Betrüger in Onlinespielen zu bekämpfen. In einer Spielwelt trifft Malas Armee auf ebenbürtige Gegner, deren Anführerin sich als Big Sister Nor zu erkennen gibt. Nor führt die Gewerkschaft Industrial Workers of the World Wide Web, IWWWW an, die sich explizit auf die Industrial Workers of the World, IWW (www.iww.org, www.wobblies.de) beziehen und sich «Webblies» nennen. Sie erklärt Mala und ihren Soldaten, dass sie die Rolle der «Pinkertons», von Unternehmen angeheurten Schlägern spielen. Ihre Opfer sind keine Betrüger sondern streikende Goldfarmer. Mala glaubt ihr nicht. Aber Yasmin, eine ihrer Soldatinnen, hat Zweifel und überwirft sich schliesslich mit Mala und schliesst sich den Webblies an.

Jiandi macht ein populäres Internet-Piratenradio für die Fabrikarbeiterinnen in Shenzen und muss der Polizei immer einen Schritt voraus sein. Diese mag es nicht, dass Jiandi den Arbeiterinnen ihre Rechte erklärt und praktische Lebenshilfe bietet (was machen, wenn der Boss zudringlich wird).

Connor Prikkel ist «Chief Economist» der Coca Cola Games Division in Atlanta und für den reibungslosen Ablauf der Wirtschaft in zwei Dutzend Onlinespielen verantwortlich. Damit ist er Gegenspieler sowohl der selbständigen Goldfarmer als auch der mafiösen Goldfarming-Unternehmen, die sich alle regelwidrig in den Spielwelten tummeln. Da sich der Arbeitskampf der Goldfarmer ausweitet, muss sich Prikkel auch damit befassen. Als auch traditionellere Branchen (Computerfabriken, Textilindustrie) erfasst werden, ruft das die chinesische Polizei auf den Plan.

Die Stränge der Geschichte verflechten sich immer mehr, während der Arbeitskampf eskaliert, online und offline. Die Situation wird für die Protagonisten schnell lebensbedrohlich und sie müssen sich entscheiden, wo sie stehen.

Der Roman ist für junge Erwachsene geschrieben, aber auch für ältere empfehlenswert und spannend zu lesen. Ins Buch eingeschoben sind «Theorietexte», in denen Rahmenbedingungen der Handlung erklärt werden, vom Coase-Theorem über grundlegend gewerkschaftliche Taktiken bis zur Entwicklung von Spekulationsblasen. Das mag für Leser, die mit den Themen vertraut sind, irritierend sein, für alle anderen macht es «For the Win» zu einer guten Einführung in die ArbeiterInnen und Gewerkschaftsbewegung.

Über den Autor

Cory Doctorow, geboren 1971, ist ein kanadischer Journalist, Blogger und Science-Fiction Autor.
Doctorow war währen vier Jahren europäischer Koordinator der Electronic Frontier Foundation www.eff.org Er ist ausserdem Mitherausgeber des Blogs BoingBoing.
Zu seinen Büchern gehören unter anderem Little Brother und Makers.

Über das Buch

Doctorow hat For The Win - wie alle seine Bücher - unter eine Creative Commons Lizenz gestellt und bietet den Text des Buches in verschiedenen Formaten zum kostenlosen Download an. Einige Kapitel der Onlineausgabe sind verschiedenen Buchhandlungen gewidmet.

Eine deutsche oder französische Übersetzung ist noch nicht erschienen, die englische Ausgabe ist aber sehr gut lesbar. Die gedruckte englische Version gibt es in zwei Ausgaben von Tor Teen, ISBN-13: 978-0765322166 (US) und Harper Voyager ISBN-13: 978-0007291182 (UK).

 
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